Was mich am meisten kränkt

"Was mich am meisten kränkt", sagte ein älterer Mann, "ist, dass man jenseits des Rentenalters nicht mehr als Individuum gesehen wird. Da werden alle über einen Kamm geschoren. Das sind die Rentner, die ihren Hund spazieren führen, die Rosen schneiden und regelmäßig auf den Friedhof gehen. Als gäbe es nicht auch hier verschiedenste Menschen mit verschiedensten Fähigkeiten und Interessen. Als wäre man jenseits der siebzig auf jeden Fall gebrechlich. Als gäbe es nicht Skifahrer, die in diesem Alter noch passabel fahren. Als wäre man als Autofahrer per se ein Risiko. Es kränkt mich, nicht mehr als Person gesehen zu werden, nur noch als Rentner. Und wenn ich so über die Jugend rede und ähnliche Klischees verbreite, dann heisst es: Was weiß der schon davon?

Aber: wer weiß denn etwas vom Älterwerden, der es nicht selbst geworden ist? Ich kann gern davon erzählen. Nur: mein Bericht gilt schon nicht mehr für meine Nachbarin. Obwohl sie in meinem Alter ist. Denn sie hat ganz andere Erfahrungen und Interessen".